Wo lernen wir eigentlich "Sex"?

Jede/r hat seine eigene Aufklärungsstory parat, meistens rund um Themen wie Verhütungsmittel und HIV. Die wenigsten können von sich sagen, dass sie in die lustvolle und erotische Seite der Sexualität eingeweiht wurden. Und was bleibt dann? Learning by doing?

Es gibt in unserer Gesellschaft keinen einheitlichen Weg oder keinen roten Faden was sexuelle Aufklärung angeht. Jede/r wird durch andere Personen/Medien/Umfeld/... an das Thema herangeführt. Leider sind diese "Aufklärungsgespräche" oft von den eigenen Ängsten und Schamthemen der Eltern geprägt und färben somit entsprechend auf den Nachwuchs ab. Wenn das Nötigste geklärt ist (wie stecke ich mich nicht mit Geschlechtskrankheiten an und wie vermeide ich eine ungewollte Elternschaft) werden wir uns selbst überlassen.

 

Wenn wir Glück haben, nimmt uns jemand Erfahrenes bei der Hand und führt uns in die Welt der erotischen Spielwiese ein. Ist unser Gegenüber aber selbst unsicher und unerfahren, tasten zwei Blinde im Dunkeln und versuchen gemeinsam irgendwie Licht hinein zu bringen und sehen zu lernen.

 

Ich verstehe Sexualität als einen lebenslangen Lern- und Wachstumsprozess. Eine 60jährige Frau wird ihre Sexualität anders leben als eine 20 oder 40-jährige. Wir müssen uns einerseits mit unserer Endlichkeit und den damit einhergehenden biologischen und hormonellen Veränderungen auseinandersetzen (Schwangerschaft, Menopause, abnehmende Erektionsfähigkeit, alternder Körper, etc.), andererseits gilt es auch in jedem neuen Kontakt zu schauen, was wünsche ich mir und was passt mit diesem Menschen. Wie ist unsere erotische Schwingung zueinander und wie verändert sich diese, wenn wir eine langjährige Partnerschaft eingehen?

 

Sich immer wieder neu die Frage zu stellen, bin ich mit meiner gelebten Sexualität zufrieden? Was wünsche ich mir? Gibt es eingefahrene Strukturen oder Automatismen, die mich eigentlich weder befriedigen noch mich glücklich machen? Was sind meine tiefsten Sehnsüchte und wo liegen meine Grenzen? Möchte ich gerade Sexualität leben, mit mir oder anderen oder ist das gerade gar nicht dran?

 

Heutzutage gibt es ein breit gefächertes Angebot (Bücher, Workshops, Ausbildungen, Filme, Einzelsessions,....) mit welchem sich man versäumtes Wissen und Erfahrungen aneignen und nachholen kann. In meinen Sessions begegnen mir Menschen, die mit 40 Jahren nicht wissen, wie sie auf das andere Geschlecht zugehen sollen oder welche Berührungen sie selbst schön finden. Es berührt mich sehr und ist mir ein Herzensanliegen, mehr Licht ins Dunkle zu bringen und die Menschen an die Hand nehmen zu können, damit sie ihre eigene Sexualität ein Stückchen besser kennen und verstehen lernen können.

 

Ein Traum:

 

Wie sähe eine Welt aus, in der Mütter, die ihre Weiblichkeit, ihren Körper und ihre Sexualität lieben und zelebrieren können, ihre Töchter nach deren erster Menstruation in die Möglichkeiten, Freuden und Entwicklungsmöglichkeiten der weiblichen Sexualität einführen? In der die weiblichen Körperteile nicht als schmutzig oder schambesetzt (Schamlippen, Schambein) betitelt werden, in der Masturbation als Selbstliebe und Selbstverständlichkeit angesehen wird und nicht als peinlicher Akt, den es zu verstecken gilt ("da unten fasst sich ein braves Mädchen nicht an").

 

Wie sähe eine Welt aus, in der Väter ihren Söhnen mitgeben, was für ein Geschenk in der Sexualität verborgen liegt fernab von "größer, weiter, schneller, besser". Welch Potential darin liegt sich mit der/dem Partner*in zu verbinden und welche Liebesfähigkeit in ihnen selbst verborgen ist. Dass Mann nicht den großen Macker spielen muss um sich angenommen zu fühlen und sich verletzlich zeigen darf um wirklich in Beziehung mit der Welt zu treten.